Das Tagwerk eines durchschnittlichen Bewohners von Azeroth wirkt unter ungünstiger Beleuchtung mitunter etwas monoton. Je nach Saison wechseln die Hauptarbeitsplätze zwar ein wenig die Region, bleiben dann aber für unzählige Wochen oder Monate stationär. Aktuell sieht man wie täglich tausende von Arbeitswilligen wie emsige kleine Bienchen nach Hyjal reisen um dort ihre Arbeit für ein paar Goldmünzen und die gelegentliche materielle Entschädigung zu erledigen. Abends wir noch schnell versucht einen Drachen, Riesen oder anderes Untier zu erledigen bevor es nach einer kurzen Nacht am nächsten Tag wieder weitergeht.
Fragt man dann bei der Bevölkerung einmal genauer nach so werden einem eine Fülle von Hobbys und andere spaßigen Tätigkeiten zugetragen. Eines dieser Hobbys ist unser heutiger Fokus und etwas wovon wir uns wünschen es aus eigener Kraft zu können: Fliegen!
Erste Erfahrungen mit dem Fliegen machen wir schon in früher Kindheit. Nur zu gut erinnere ich mich wie mein Vater sich mit "Weib ich muss los!" verabschiedete und ich dann im hohen Bogen durch die Wohnhöhle in die rudernden Arme meiner Mutter geworfen wurde. Ach, herrlich. Er hätte sich den ganzen Tag verabschieden können. Aber Väter werden älter und Kinder werden grösser. Schließlich reicht es nur noch für ein kurzes Hoch- oder Anheben. Mit Glück ist noch ein unsanftes Schubsen vom Schoss drin. Irgendwann bleibt auch das aus. Das nagende Verlangen wieder zu fliegen ist aber immer noch da und wird immer wieder aufs Neue angeheizt wenn man etwas durch den azurfarbenen Himmel sausen sieht. Wir sprechen hier aber von kontrolliertem fliegen! Irgendwelche fehlgeschlagenen Experimente bei dem ein Goblin fast in die Stratosphäre katapultiert wird zählen nicht dazu.
Die ersten Versuche zu fliegen waren vielleicht kreativ, aber natürlich alle zur Erfolgslosigkeit verdammt. Da wären die klassischen Sprünge aus großen Höhen mit raschen Auf- und Abbewegungen der Arme. Die ersten Sprünge mit einer Landefläche aus solidem, sonnengebrannten Lehmboden waren gefürchtet - die späteren Versuche ins Wasser waren deutlich angenehmer und haben definitiv mehr Spaß gemacht. Nachdem die Sprungversuche mit Froschschuhen auch erdrückend ausfielen wurde die Macht der Wippe und der Kat.. Kata.. Katapultation entdeckt. Au.
Später gab es noch die Essreihen bei dem alles was irgendwie fliegen kann bzw. konnte roh oder gekocht vertilgt wurde. Zusammen mit Freunden haben wir mal ein ganzes Gebiet von Glühwürmchen befreit. Leicht bitter, aber immer knusprig! Geflogen sind wir leider nicht. Man konnte aber von Weitem sehen welchem Busch oder Baum wir an dem Abend und den folgenden Tagen einen Besuch abgestattet hatten.
Wenn mal wieder eine Reihe von Ideen schmerzhaft und ohne Flug überprüft worden war ging es oft in Richtung eines Zeppelinturms. Dort wurde solange gebettelt bis einer der Fluggäste entnervt aufgab und uns eine Überfahrt spendierte. Kreischende Orklinge die sich plärrend an den Beinen festkrallen sind zu Weilen sehr überzeugend. Bei Abflug standen wir dann am Bug oder hingen in der Takelage, ließen uns die frische Luft um die Nase wehen und streckten dabei die Arme aus. In unseren Gedanken flogen wir in die größten Schlachten und machten die unglaublichsten Manöver und Loopings.
Die Zeit vergeht und irgendwann ist man dann zu Groß um Huckepack bei Muttern mitzufliegen. Es steht der erste Alleinflug auf einem Flugreittier an. Übertrieben sicher verschnürt und festgezurrt wird man auf die Reise geschickt und es ist der Wahnsinn. Die ersten großen Kurven krallt man sich noch ängstlich in das Fell des Windreiters der alles andere als begeistert ist und dies mit lautem knurren und gelegentlichem Aufbocken wissen lässt. Schnell ist aber der Rhythmus des Flügelschlages und der Lenkbewegungen aufgenommen. Mit weit aufgerissenen Augen um auch ja nichts zu verpassen genießt man den Rest des Fluges, der viel zu schnell zu Ende ist.
Auch wenn einem in der Jugend nur sehr wenig klar ist – spätestens jetzt steht fest dass man irgendwann ein eigenes Flugtier haben musste. Wenn man Glück hatte überließen einem die Eltern das Familienflugtier oder besorgten eines aus zweiter oder anderer Hand. Meist waren es etwas ältere, dafür aber gutmütige Tiere. Nun war man jederzeit bereit um in ein neues Abenteuer zu starten. Dies ist oft der Zeitpunkt an dem sich die echten Enthusiasten von den einfachen Fliegern trennen. Die Enthusiasten, wir nennen sie mal Jockeys, begnügen sich natürlich nicht damit zweckgebunden von A nach B zu kommen. Selten legen sie einen direkten Kurs zum Zielort an außer es wird versucht (s)eine Bestzeit auf einem Streckenabschnitt zu verbessern. Jede freie Minute verbringen die O-beinigen Jockeys in der Luft. Je mehr O desto besser.
Nur gegen sich selbst zu fliegen macht auf Dauer nur halb so viel Spaß wie sich mit anderen zu messen. So entstand vor langer Zeit der Flugverband Interkontinental von Azeroth der jährlich die drei bekanntesten Rennen austrägt. Da wären der "Süd Kalimdor Sprint" - ein Pylonen-Rundkurs im Ungoro Krater bei dem die kleineren und agileren Flugtiere dominieren. In den östlichen Königreichen findet die "Explorer Trophy" statt, ein zweitägiges Orientierungsrennen bei dem jeder Flugpunkt einen Hinweis zum nächsten Ziel bereithält. Wer sich hier verrechnet oder die Hinweise falsche deutet katapultiert sich schnell ins aus. Als Jedermann-Rennen genießt es aber großen Zulauf.
Das jährliche Highlight und die Königsklasse ist schließlich das "All Azeroth Adventure". Es ist das Ausdauerrennen schlechthin, welches Jockey, Flugtier und Material auf eine harte physische und mentale Probe stellen. Die Strecke startet auf Kalimdor im sonnigen Tanaris und führt über das inzwischen geteilte Brachland nach Orgrimmar bevor es im nächsten Abschnitt darum geht Nordend zu überqueren. Der letzte Abschnitt führt von Nordend in die östlichen Königreiche. Von Unterstadt in Richtung Arathi Hochland, die brennenden Steppe überquerend bis in die südliche Beutebucht wo schließlich die erlösende Zielgerade winkt.
Beim "All Azeroth Adventure" sind die Überquerungen nach und von Nordend ein entscheidender Faktor zum Sieg. Hier steht es den Teilnehmern frei zusätzliche Kilometer in einem sicheren Rundkurs über Winterquell oder dem heulenden Fjord zu absolvieren um dann den Zeppelin als Transport zu wählen oder heroisch den Überflug aus eigener Kraft zu wagen und möglicherweise einen nicht einholbaren Zeitvorteil heraus zu fliegen. Nur sehr wenige Jockeys entscheiden sich für diese Option. Sie sind entweder extrem erfahren oder unglaublich naiv. Letztgenannte Sorte nehmen in der Regel kein zweites Mal teil.
Ein echter Jockey legt besonderen Wert auf seinen geflügelten Begleiter. Die Auswahl ist groß und jede Art hat seine Eigenheiten. Nimmt man einen reinrassigen, agilen Windreiter mit guten Sprint Fähigkeiten, einen bequemen Hippogryph-Cruiser, einen exotischen Netherrochen mit exotischen Futteransprüchen oder einen der diversen Stein-, Wind-, Nether- oder Protodrachen? Drachen sind zwar etwas schwerfällig und nicht immer kooperativ dafür sehr ausdauernd und unverwüstlich.
Natürlich sind viele von uns in der Gilde ebenfalls flugbegeistert und immer auf der Suche nach etwas besonderem. Als Gerüchte zu uns drangen über eine neue Art von Riesenvogel, die mit hohen Geschwindigkeiten durch die sengenden Lüfte über den Feuerlanden fliegen soll war unser Interesse natürlich geweckt und die nächste Expedition stand somit fest.
Für unsere Erkundungen in den Feuerlanden mussten wir auf unsere bisherigen flugfähigen Begleiter leider verzichten. Die ungewohnt hohen Temperaturen, unvorhersehbare Turbulenzen und gelegentliche Feuerregen machten es einfach zu gefährlich um uns aeronautisch fortzubewegen. Während wir so durch die Pampa stapften schweiften unsere runden kleinen Gucker unablässig über das Firmament auf der Suche nach diesen mysteriösen Vögeln. Wie im Märchen von „Andiun-guck-in-die-Luft“ wären einige von uns dabei beinahe schnurstracks in die nächste Lavaschlucht gewandert. Eine Seilschaft sollte zukünftig das schlimmste verhindern, wobei uns durch die Tauren schnell das Seil knapp wurde und wir näher voreinander laufen mussten als so manchem lieb war.
Als sich auch nach mehreren Stunden nichts am Himmel bewegt hatte kamen die ersten Zweifel auf. Waren wir doch nur einer urbanen Legende aufgesessen? "Da!" - sofort zeigten mehrere ausgestreckte Arme auf ein leuchtendes Etwas das aus Südwesten zunächst parallel zu uns flog, bevor es uns überholte und Richtung Norden verschwand. Aufgeregt endlich eine Sichtung gemacht zu haben folgten wir dem Vogel.
Einer halbe Tagesreise später erreichten wir den Rand eines großen Kraters. Wir staunten nicht schlecht was wir dort zu Gesicht bekamen. Dutzende dieser eleganten Feuerfalken waren am Boden festgekettet. Warum würde man diese eleganten Kreaturen so festsetzen und wer steckte dahinter? Wir wollten gerade über die Kante in den Krater hinab als am entfernten Rand aus einem Tunnel einige groß gewachsene Gestalten ins Licht traten. Ihrem Äußeren zufolge schienen es Nachtelfen zu sein. Sie trugen nur leichte Lederrüstungen und lange Roben. Typisch für Druiden. Das war aber nicht das einzige was sie trugen. Die zwei Typen die mit etwas Verzögerung gefolgt waren trugen an langen Stangen etwas zwischen sich. Es schien warm oder sogar heiß zu sein. Sie versuchten sichtlich Abstand zu halten. Die Luft darüber waberte und machte es schwer zu erkennen was es genau war. Fragend schauten wir uns an. "Ein Ei! Es muss ein Feuerfalkenei sein." Die Druiden hatten sich inzwischen aus dem Krater begeben und luden das Ei auf einer Karre auf. Dabei schwenkte das Ei kurz bedenklich aus und traf einen der Elfen am Oberarm, der sofort laut aufschrie und fast seine Führungsstange fallen gelassen hätte. Eilig verzurrten sie ihre wertvolle Fracht und machten sich Richtung Norden aus dem Staub.
Noch etwas ratlos hockten wir zusammen und überlegten was wir machen sollten. Immer wieder hörten wir das Schlagen der großen Flügel bei dem Versuch der Feuerfalken abzuheben um jäh von der kurzen Fußfessel wieder aufgehalten zu werden. Mit dem Schnabel pickten sie erfolglos an den schweren Pyriumketten.
Das konnten wir so nicht geschehen lassen und beschlossen die gefangenen Tiere zu befreien. Dies stellte sich aber schwieriger als gedacht heraus. Obwohl wir uns zunächst nur mit einer kleinen Gruppe und sehr langsam annäherten wurden die Falken sofort unruhig. Sie richteten sich auf und wechselten dabei hektisch von einem Bein auf das andere. Wild schnappten die Vögel nach uns oder breiteten laut krächzend und drohend die Flügel aus. So an die Ketten zu kommen war unmöglich.
Also Kommando zurück um eine neue Strategie zu verfolgen. Scheue oder aggressive Sorten waren einem jeden von uns bekannt. Natürlich konnte man solche Tiere überwältigen. Das ist aber nie das Interesse eines echten Jockeys. Die Tiere sind weder dumm noch vergesslich. Wer nicht bei der nächsten Gelegenheit das Gesicht zerpickt bekommen oder im Halbschlaf während des "All Azeroth Adventure" aus luftiger Höhe abgeworfen werden will sollte lieber versuchen das Vertrauen des Tieres zu gewinnen. Auch der raubeinigste Vielflieger weiß, obwohl er es nicht immer zugeben mag, dass Vertrauen und Harmonie zwischen Jockey und Mount die Grundlage für außergewöhnliche Leistungen sind.
Ein altes Jockey-Sprichwort heißt: Liebe geht durch den Schnabel. So manche erfolgreiche Annäherung begann mit einem leckeren Schmankerl. Also wurden die Goblin BBQs ausgepackt und alles was wir an Proviant entbehren konnten an die flammenden Greifen verfüttert. Gierig schlangen sie alles war wir an Fisch-, Fleisch- und Backwaren zu bieten hatten roh oder gekocht herunter. Nichts wurde verschmäht. Unser Vorrat für zwei Wochen war futsch, aber es schien seine Wirkung nicht verfehlt zu haben. Während wir uns noch ein paar leckere Kabobs gönnten (mit einem zarten Aroma von Raketentreibstoff) beruhigten sich die Tiere zusehends. Ewig Zeit lassen wollten wir uns auch nicht. Niemand wusste wann die Druiden wieder aufkreuzen würden - mit oder ohne Verstärkung.
Für die letzten Meter zum jeweiligen Vogel hatte jeder von uns eine Handvoll süßer Früchte in den Taschen. Während jeweils einer den Vogel bei Laune hielt kümmerten sich zwei weitere darum vorsichtig die schweren Bolzen der Fesseln zu lösen. Obwohl die ersten Feuerfalken nun inzwischen ihre Fesseln los waren flogen sie nicht direkt weg sondern sammelten sich in der Nähe des Höhleneinganges. Genau der Höhleneingang aus plötzlich ein leidendes Kreischen drang. Die restlichen Falken stimmten augenblicklich mit ein und flatterten nervös auf.
Wir hatten die Höhle bislang ignoriert, beschlossen aber dies Versäumnis nun nachzuholen. Ein kurzer Gang in das Dunkel des Berges führte zu einer größeren Kammer. Heilige Erdenmutter! Unsere Fackeln brauchten wir eigentlich nicht mehr, denn das Wesen dass hier gefangen war strahlte hell und erleuchtete damit selbst das Gewölbe. Mit einer Größe vergleichbar mit Banthar, dem legendären Grollhuf war es sicherlich der größte Falken den wir je gesehen hatten. Dieses Exemplar war offensichtlich weiblich und sie begrüßte uns mit dem gleichen aufbäumenden Drohverhalten wie ihre Kollegen draußen. Jemand bemerkte. "Hey, die erinnert mich an meine Ex, Alice. War auch nen flammender Rotschopf und auch genauso unglücklich mich zu sehen."
Wie war diese „Alice“ nur hier drinnen gelandet und wie sollten wir Sie aus der Höhle bekommen?
Lockeres Geröll in der Nähe des Ganges schien darauf hin zu deuten, dass er mal viel breiter gewesen sein musste. Vermutlich ist er zum Einsturz gebracht worden um den Vogel hier gefangen zu halten.
Dies konnte möglicherweise auch die Lösung sein. Die Ingenieure wurden zusammen getrommelt uum einzuschätzen ob wir den Gang nicht wieder verbreitern könnten? Wie bei kleinen Kindern den man ein T&F Erdbeereiscreme mitbringt zauberte dies bei unseren Ingis ein breites Lächeln ins Gesicht. "Besser leben durch Sprengstoff" - könnte ihr Motto sein und sofort verschwanden sie um die nötigen Explosivstoffe von unserer Karawane heranzuschaffen. "Ist das auch sicher?" fragten wir uns als die mehrere Meter lange Strecke aus diversen Dynamitsorten gespickt mit blau- und grünfarbenen Granaten stolz präsentiert wurde. "Na klar ... aber ein paar Meter sollten wir vielleicht noch zurück."
Mit den letzten verbliebenen Früchten lockten wir die Falken wieder auf einen ausreichenden Abstand von der Höhle weg. "3...2...1..." - zischend rasten die Funken, einem Rennen gleich Kopf an Kopf die verschiedenen Zündschnüren entlang Richtung Zielstange aus Dynamit. Mit einer beindruckenden Explosion ging das kurze Funkenrennen zu Ende. Statt nur den Gang zu verbreitern hatten sie die halbe Seitenwand der ehemaligen Höhle in Stücke gerissen. Strahlend nickten sich sichtlich zufrieden unsere Ingenieure zu.
Wir wollten gerade nach Alice schauen als sie durch die dichten Staubwolken unverletzt aus der Höhle gehüpft kam und im Sonnenlicht ihre majestätischen Flügel ausbreitete. Zeitgleich hatten sich die restlichen Feuerfalken um sie geschart und man konnte ein seltsam angenehmes tiefes Gurren vernehmen. Das Leuchten von Alice hatte deutlich zugenommen und es tat schon fast weh wenn man sie direkt betrachten wollte.
Das sanfte Grollen hatte sich weiter intensiviert und plötzlich überkam uns alle ein tiefes Gefühl von Dankbarkeit. Einige behaupteten sogar für ein paar Sekunden das Abbild des großen Feuervogels im Geiste vor sich zu haben. Die Vögel schienen sich indes das Gefieder zu ordnen. Sie zupften sich einige der größeren Federn aus und legten sie zwischen sich und uns.
Alice hatte sich wieder aufgerichtet und bewegte zunächst langsam, dann schneller die Flügel auf und ab bis sie sich mit einem eleganten Satz vollends in die Luft erhob. Eine sanfte, laue Brise ging durch den Krater. Nach einer kurzen Verweilpause über unseren Köpfen entfernte sie sich schließlich von uns. Die restlichen Feuerfalken stiegen ebenfalls auf uns folgten ihr in die Ferne.
Nun wussten wir zumindest dass es sie gab, diese unglaublichen Geschöpfe der Lüfte. Hoffentlich würde irgendwann eines davon genug zutrauen haben um einen von uns auf seine Schultern und in ein neues Abenteuer zu nehmen.
Die Federn, zunächst als Andenken eingesammelt, sollten uns später unseren größten Kindheitstraum erfüllen. Weeeeeeee!